Vorburg

 

Untertor-Brücke mit Nydegg-Kirche (Kunstmalerin Ingeborg von Erlach, Bern)

Schlaraffen hört!

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Was ist Schlaraffia?

Für Neulinge und Medien

Die Herrengesellschaft Schlaraffia pflegt Kunst Freundschaft und Humor. Unter den bekannten Herrengesellschaften ist jene, die sich "Schlaraffia" nennt wohl die fröhlichste, und die einzige, in der weltweit deutsch gesprochen wird - nicht nur in Westerland, Immenstadt, Bern oder Wien. Auch für die Schlaraffen in Spanien, USA, Australien, Kanada, Japan, Südafrika, Thailand - gleich welcher Nationalität und Rasse, ist die deutsche Sprache vorgeschrieben.

Laut Statistik 2004 sind es 10643 Mitglieder an 266 Orten, davon 156 in Deutschland, 56 in Österreich, 33 in Nord- und 9 in Lateinamerika, 12 zählen zum Landesverband Schweiz. Von "Reychen" oder erst "Colonien" ist die Rede in der eigenen Welt des Spiels mit besonderen Formen und Vokabular.

Die Zeitrechnung zählt, seitdem in Prag Mitglieder des Theaters am 10.10.1859 zunächst den „Proletalier-Club“ begründeten, die Jahre bezogen auf Uhu als symbolisch humorvollen Inbegriff von Tugend und Weisheit, also „a.U. 145“.

Mit satirischer Lust setzten sie ihr Treiben Überheblichkeit des Adels, dünkelhafter Ordens- und Titelsucht des tonangebenden Beamtentums entgegen. Warum und wie daraus dann „Allschlaraffia“ wurde, ist nicht mehr genau zu bestimmen. Jedenfalls betrachtet sich die Gemeinschaft gleich gesinnter Männer nicht als Müßiggänger im märchenhaften Schlaraffenland. Mit Kunst, Freundschaft und Humor als praktizierten Idealen steht sie mitten im Leben. Dass man „Ihr“ und „Euch“ zueinander sagt, von Burgfrau und Burgmaid erzählt, mit ähnlich schrulliger Wortwahl beispielsweise das Auto als Benzinross, das Telefon als Quasselstrippe bezeichnet, mag den Gast zunächst verwirren. Bis der selbst erkennt wie damit hektischer Alltag fröhlich vergessen werden kam.

Wie man Schlaraffe wird…

Schlaraffia ist weder Geheimbund noch Loge, weder Karnevalsgesellschaft noch Kunstverein. „Aufnahme finden. nur Männer von unbescholtenem Rufe in reiferem Lebensalter und gesicherter Stellung, die Verständnis für die idealen Zwecke des Schlaraffentums haben und gewillt sind, sie zu verwirklichen“, so steht es in der Satzung. Sie regelt, wann aus dem Gast, dem „Pilger“, ein "Prüfling“, aus diesem nach geheimer Abstimmung ein Schlaraffe werden kann. Der erhält als „Knappe“ die laufende Mitgliedsnummer seines Reyches, nach weiterem Examen wird er „Junker“. Mindestens zehn weitere „Sippungen“, also wöchentliche Veranstaltungen in der „Burg“ des örtlich zuständigen Reyches, muss er besuchen, bis er zum Ritter geschlagen werden kann. In diesem Stand erhält er seinen endgültigen, meist witzigen, persiflierenden Namen, erst jetzt verfügt er über alle Rechte im ritterlichen Spiel mit geistigen Waffen Wer einige Mal „gesippt“, aus dem Buch mit 124 eigenen Liedern gesungen, statt Bier und Wein zu trinken, „Quell und Lethe gelabt“ hat, wird bald begreifen, dass diese überlieferten, in 22 Concilen beschlossenen Regeln, der Aufwand mit „Helmen“ aus Stoff nur dem reinen Spiele dienen. Und die Titel und Orden, die dafür oder auch ohne Verdienste verliehen werden, ebenfalls nur mithelfen sollen die Profanei zu vergessen, zumindest im Narrenspiegel zu sehen. So ähneln denn manche schlaraffische Ritterhelme eher alten Narrenkappen.

Doch nicht nur ein Spiel?

Schlaraffia lebt freilich nicht nur vom wöchentlichen Treff Oktober bis April, sondern von der Begegnung in aller Welt. Schlaraffen sind nie allein. Sie pflegen Freundschaften, sind überall bei den anderen willkommen. Die Einsamkeit des Alters gibt es für sie nicht. Dazu hilfreich ist neben der deutschen Sprache das „Vademecum“, das Ort, Wochentag und Thema der Veranstaltungen vermerkt, entsprechende Vorbereitung ermöglicht. Im Pass, den der Schlaraffe besitzt, werden solche „Einritte“ bestätigt. Vom ältesten bestehenden Reych mit der Nummer 2 in Berlin bis zu 416 in Perth (Australien), 417 in Halle (Sachsen-Anhalt), 418 in Brüssel und 419 in Mallorca. Dass trotz dieser Zahl in der so genannten Stammrolle nur noch 265 Vereinigungen erscheinen, ist vor allem Folge politischer Vorgänge. Obwohl Politik, Religion, Geschäft streng verpönt, wurden sie in Italien 1926 zwangsweise aufgelöst, vom NS-Regime 1934 zur Auflösung gezwungen, offiziell untersagt. In der DDR trafen sich treue Freunde lange heimlich in Wohnungen, das Verbot fiel erst mit der Mauer. Doch wie in der als „Praga“ besungenen Gründungsstadt sind Burgen vor allem im Osten, in den Niederlanden, Großbritannien zerfallen. Überm Grossen Teich wurde Schlaraffia vor dem Zweiten Weltkrieg Treff, so etwas wie Heimatersatz jüdischer Freunde, dann von anderen Auswanderern.

Die weiße Nadel, mitunter eine Perle am Revers als Erkennungszeichen führt Unbekannte zusammen, macht sie oft zu Freunden. Von der Idee erfasst sind Männer aller Berufe, nach wie vor viele vom Theater, solche, die Musik von Berufs wegen oder als Amateure kaum weniger gewissenhaft zum Genuss ihrer Freunde betreiben. Viele finden mit Prosa oder Reim ein Podium, irgendwie kam sich jeder nützlich machen und sei es mit aufmerksamem Zuhören. Jeder gibt, was er kann. Keiner muss, doch jeder darf, wenn er will zur „Erheiterung“ und „Erbauung“ beitragen. Erstaunlich, was in manchem an Geist und Witz schlummert, zu bestimmten Themen geweckt und meist literarisch oder musikalisch vorgetragen wird. Es gehört zum spezifischen Wert dieses Bundes, jeden zu sich selbst zu führen. Doch es wäre kein Spiel von Rittern, würde nicht Respekt gezollt, Disziplin geübt, in Rede und Gegenrede gestritten, Schmach im spaßigen Duell gesühnt. Wie hinter den mehr oder weniger originellen Namen, Titeln und Orden für erbrachte Leistung, steckt im Spiel in farbenfroher Rüstung der sinnvolle ernste Kern. Abgesehen davon, dass auch Schlaraffen nur Menschen sind.

Zu der Idee zu diesem Spiel bekannt haben sich z.B. die Komponisten Franz Lehár, Gustav Mahler, Clemens Schmalstich, Oscar Straus, der Schriftsteller Peter Rosegger wie der Erbauer der Großglocknerstraße Franz Wallack, der Raketengeneral Walter Dornberger, die Schauspieler Paul Hörbiger, Richard Münch, Gustl Bayrhammer, namhafte Sänger.

Und die Frauen ?

Ein Bund von Männern also - und doch sind Frauen willkommen zu Jubiläen, beim Turney, zum Fest ohne Anlass, zu Matineen, zu Konzerten eigener Ensembles oder des „Allschlaraffischen Symphonie-Orchesters“ mit Musiker aus mehreren Orten. Das gastierte auf der USA-Tournee sogar in der der Carnegie-Hall, gab ein beeindruckendes Benefiz-Konzert in der Krypta der Frauenkirche zu Dresden, zuletzt in Meran. Über derlei Ereignisse und mehr berichtet weltweit „Der Schlaraffia Zeyttungen“. Was Schlaraffen in Büchern schrieben, CDs herausbrachten, erfasst die Allschlaraffische Bibliothek Berlin. Obwohl sie als „Ritter der Romantik“ nicht nur Blaue Blumen als unerreichbare Ziele anstreben, betreiben viele dieses Spiel ganz bewusst als Methode gegen Stress und Frust.

Wen wundert’s da noch, dass ernsthafte Statistiker nachwiesen, die Lebenserwartung von Schlaraffen sei um fünf Jahre höher als die anderer Männer! Daran, dass sie ein eigenes Hilfswerk, eine eigene Sterbekasse besitzen, kann’s kaum liegen…
Natürlich nutzen sie zum „Ausreiten“ übliche Verkehrsmittel und zur Kommunikation beispielsweise E-Mail. Da stehen unter www.schlaraffia.net sogar aktuelle Hinweise, mehr über örtliche Vereinigungen, wo sie zu finden sind, was sie anbieten...

Autor: Rt. Pressofix

 

  Schlaraffia von der Gründung in Prag (1859) zum Weltverbund Allschlaraffia

Im Frühjahr 1859 gründeten deutsche Künstler in Prag auf Betreiben von Theaterdirektor Franz Thomé den „Proletarierklub“ (als Protest gegen die einseitig der Kunst verpflichtete schöngeis­tige „Arcadia“), eine lose Gesellschaft ohne vereinsrechtliche Strukturen. Die Mitglieder trafen sich regelmässig zu teils ausgelassenen geselligen Abenden. Die Vereinigung zerfiel aber sehr rasch

Am 10.Oktober 1859 schlossen sich deshalb 23 Künstler und Kunstfreunde unter dem Namen „Schlaraffia“ zusammen mit dem Ziel, Kunst und Humor zum Zweck inniger Freundschaft zu pflegen. Als Gründer gilt Graf Gleichen der Lindenmüller. Es entwickelte sich sehr bald der uns vertraute Sippungsbetrieb, der sich äusserlich am mittelalterlichen Rittertum inspirierte, aber vom Anfang an als Satire, als Karikatur des feudalen Ständestaates und einer übertriebenen Bürokratie verstanden wurde. Die Regel des schlaraffischen Spiels wurden im Spiegel, die Formalitäten im Ceremoniale niedergelegt.

Infolge des häufigen Ortswechsels der Künstler verbreitete sich die Idee rasch, zunächst im nahen (vorab dem deutschsprachigen), dann im ferneren Ausland und schliesslich über die ganze Welt. Nach dem Vorbild der Schlaraffia Praga entstanden neue Reyche – Berolina, Lipsia, Grazia usw.  - , die im gleichen Geist, aber zum Teil nach eigenen abweichenden Regeln und Riten sippten.

Nach etwa 17 Jahren entschloss sich daher die Praga zum Handeln, und es gelang ihr, auf dem 1. Concil in der Lipsia (1876) eine sämtliche Reyche umfassende Organisation, den Verband Allschlaraffia, zu schaffen. Spiegel und Ceremoniale wurden für alle Reyche des Uhuversums verbindlich erklärt. Die Praga wurde zur Allmutter erhoben, die durch den Allmutterrat (dem heutigen Allschlaraffenrat entsprechend) die Geschicke Allschlaraffias lenkte.

Allschlaraffia blühte bis in die frühen Dreissiger Jahre des 20. Jh.  (254 Reyche oder Colonien mit mehr als 13'000 Mitglieder). 1933 begann der Niedergang: Zuerst sagten sich die deutschen (Bund „Deutsche Schlaraffia“), später auch die österreichischen Reyche von der Allmutter los. Bis 1938 sank die Zahl der Reyche weltweit auf 66. In der gespannten weltpolitischen Lage und in der Furcht vor kommenden kriegerischen Verwicklungen wurde jetzt auf dem Concil zu Poso­nium (Pressburg) die Schaffung eines Allschlaraffenrats diskutiert und die Idee selbstständiger Landesverbände vorgebracht; Beschlüsse wurden aber nicht gefasst. Immerhin wurde der Spiegel revidiert (sog. Posonium-Spiegel) und damit eine wichtige Voraussetzung für den schlaraffischen Wiederaufbau nach 1945 geschaffen.

Während des Zweiten Weltkrieges bestand Schlaraffia praktisch nur noch in der Schweiz (die vier Reyche Turicensis, Basilea, Berna und Gallia) und in (Nord-)Amerika. Bereits am 1.10.1938 wurde auf Initiative von Rt. Rhenanus (Berna) der Landesverband Schlaraffia Helvetica gegrün­det; zur Stärkung des inneren Zusammenhalts wurden jedes Jahr helvetische Freundschaftsippun­gen veranstaltet. Auch die nordamerikanischen Reyche schlossen sich zu einem Landesverband zusammen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg regte sich namentlich in der Bundesrepublik Deutschland und in Österreich wieder schlaraffisches Leben. Viele untergegangene Ryche wurden unter dem alten Namen neu gegründet. In enger Zusammenarbeit mit den helvetischen und den nordamerikani­schen Reychen wurde die heutige, föderalistisch geprägte Organisation Allschlaraffias errichtet. Die – an sich autonomen – einzelnen Reyche sind – national oder kontinental – zu Landesver­bänden (LV Austria, Landesverband Deutschland, Landesverband Nordamerika, LV Schlaraffia Helvetica, LV Südamerika) zusammengeschlossen. Diese wiederum bilden den Verband Allschlaraffia, ihre Vertreter haben Sitz und Stimme im Allschlaraffenrat (ASR).

Diese allschlaraffische Ordnung hat sich bestens bewährt. Die Zahl der Reyche wächst, und die schlaraffische Idee hat in allen fünf Kontinenten (neuerdings auch in Australien) Wurzeln ge­schlagen.

Zur Geschichte der trutzigen Berna

Am 15. November 1884 wurde die Schlaraffia Berna gegründet (u.a. durch die Erzschlaraffen Bombasticus -profan Maximilian von Witzleben-Barchewitz- und Carlos von der Wupper- profan Carl Heusser-; ein weiterer Ez war Rt. Esparsette – profan Hans Klee -, der Vater des Malers Paul Klee). Die Sassen sippten zuerst in der Frickburg (dem heutigen Restaurant „Della Casa“). In der Folge wechselten Zeiten der Blüte rasch mit solchen des Niedergangs.

1893 gelang es schliesslich, an der Postgasse 10 ein kleines, bescheidenes, baufälliges Haus zu mieten. 1896/97 entstand auf dessen Fundament ein neues Gebäude, im wesentlichen (von eini­gen baulichen Veränderungen in neuerer Zeit abgesehen) die heutige Trutzburg. Seit 1917 ist diese Eigentum des Reyches.

Am Wiederaufbau Allschlaraffias nach dem Zweiten Weltkrieg nahm die Berna führenden An­teil. Erbhkt. Rhenanus verkörperte wie kaum ein Zweiter den Widerstand gegen Anfeindungen von aussen und kleinmütige Verzagtheit im Inneren. Auf seine Initiative wurde am 1.10.1938 der Landesverband Schlaraffia Helvetica gegründet, und schon vorher gab sein Aufruf den Anstoss zur Durchführung helvetischer Freundschaftssippungen. Rt. Parafratello gelang es, wenigstens einen Teil des Praga-Archivs in die Schweiz zu retten. An der Neuordnung der allschlaraffischen Verhältnisse hatten die Vertreter unseres Reyches führenden Anteil. In der Folge stammten nicht weniger als vier Allschlaraffenräte aus unseren Reihen (die Ritter Volley, Ric-Rac, Codex und Mundstück), mehrere Male stellte die Berna den Vorsitz im Landesverband, etliche „Tagsatzun­gen“ fanden in Bern statt. Unter den heute zwölf (davon neun schweizerischen) helvetischen Reychen nimmt die trutzige Berna eine geachtete Stellung ein.

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